“Die Landreform ist in ParaĂba Realität”
Frage: Frei Anastácio, welches Ereignis bewog Sie, den Kampf für eine gerechte Landverteilung aufzunehmen?
Frei Anastácio: 1969 verliess ich das Seminar und wurde
in das Hinterland von Pernambuco geschickt, um das Noviziat aufzunehmen. In dieser Zeit begann ich mit den Arbeitern der Zuckerrohrfabriken zu arbeiten. Ich begann, die Arbeiter in der Region zu besuchen, die vom
Zuckerrohranbau dominiert war. Die Arbeit mit den Menschen gab mir viel mit auf den Weg, es war die Zeit, als die Zuckkerrohrfabriken sechs Monate stillstanden. Die Arbeiter hatten keine Arbeit und gingen nach
Recife, um Anstellung zu suchen. Die Frauen und Kinder blieben zuhause auf dem Land und ernährten sich vom Fischfang und Feldanbau. Ich erlebte eine grosse Misere...
Frage: ...und dabei fingen Sie an, sich näher
mit der Frage der Landverteilung und der Situation der Landarbeiter zu beschäftigen?
Frei Anastácio: Es war das Land, die Arbeitslosigkeit und
die Unterdrückung der Arbeiter. Alle diese Eindrücke – der leidende Arbeiter – trugen dazu bei, und ich sammelte meine Erfahrungen und Eindrücke.
Im Februar 1970 ging ich nach Recife, um meine Studien fortzusetzen. Damals beteiligte ich mich an der ”Bewegung der Brüder und
Schwestern”, die Volksbewegung Dom Hélder Câmeras. Ich beteiligte mich an den Aktivitäten der Sozial- und Volksbewegung. Es war auch die Zeit der Repressalien und es wurden damals viele Arbeiter ins Gefängnis
gesteckt.
Frage: Wann kehrten Sie zurĂĽck nach ParaĂba?
Frei Anastácio: 1973 bat ich meinen Novitzenmeister,
meine kirchlichen Erfahrungen zusammen mit dem Volk in den Basisgemeinden zu sammeln. Meine Novitzenmeister schickten mich in die Region Conde, Alhandra, Pitimbu, um in den Kirchen- und Basisgemeinden zu arbeiten.
Ich fing an, die Arbeit der Priester und Gläubigen zu begleiten, besuchte die Menschen und nahm am Leben auf den Maniokpflanzungen teil. Als ich nach João Pessoa zurückkehrte, legte ich mein Versprechen im
Franziskanerorden ab. Ich fragte mich damals auch, ob ich meine Verpflichtungen im Franziskanerorden auf das Spiel setzte. Schlies-slich definierte ich die Missions-arbeit als Arbeit zusammen mit dem Volk und den
Basisgemeinden.
Fragen: Gab es ein besonderes Ereignis, dass Sie
beeinflusste, ihre Arbeit zum Besten der Landarbeiter einzusetzen?
Frei Anastácio: Ende 1975 kehrte ich zu meiner Arbeit in
Conde, Pitimbu und Alhandra zurück. Damals gab es den Landkonflikt in Mucatu. Mucatu war eine grosse Fazenda von 10.000 Hektaren, die zwischen den gemeinden Pitimbu, Alhandra und Conde lag. Auf dem Gelände lebten
und wohnten mehr als 300 Familien von Landarbeitern. Sie wurden dort geboren und grossgezogen. Der Grossgrundbesitzer Herculano Bandeira Lundgren verkaufte damals das Land an Fabrikbesitzer in Pernambuco. Damals im
Jahre 1976 wurde auch die Landenteignung durch die Regierung Geisel in Gang gebracht. Seitdem gab es mehrere Konflikte, unter anderen in Camucim (Pitimbu), Fazenda Retirada da Capim de Cheiro (Alhandra). Ich wohnte
in JoĂŁo Pessoa, lebte aber vielmehr dort bei den Menschen.
Frage: Diese Arbeit war schliesslich fĂĽr die Kirche?
Frei Anastácio:Ja natürlich. Ich arbeitete für die
Erzdiözese ParaĂba. Es wurde entschieden, die Konflikte zu begleiten. Seit diesem Zeitpunkt organisierten wir die Landpastoral, grĂĽndeten die CPT landesweit. Ich war MitbegrĂĽnder der CPT in ParaĂba.
Frage: Wann war das genau?
Frei Anastácio: Das war vor 20 Jahren. Die CPT wurde von
der Erzdiözese gegründet, und wir breiteten die Arbeit über den ganzen Bundesstaat aus. Es folgten die Gründungen in den grösseren Städten: Guarabira, Campina Grande und Cajazeiras.
Frage: Die Bedeutung der Landverteilung und
einer Landreform entwickelte sich in den letzten 20 Jahren. Wie ist Ihre Einschätzung?
Frei Anastácio: 1978 fĂĽhrte die Erzdiözese ParaĂba
eine Untersuchung durch, die sich mit der Frage der Landflucht auseinandersetzte. Es gab einen enormen Zuzug in die Hauptstadt, weg vom Land. Ferner wuchsen in dieser Zeit die grossen Monokulturen von Zuckerrohr,
unterstützt vom Regierungsprogramm Proálcool (Treibstoff aus Zuckerrohr). Hierfür wurde das Land gebraucht.
Ferner gab es das Programm der SUDENE (Bundesbehörde für die Entwicklung der Region Nordosten), das Graspflanzungen für die Viehzucht
förderte. Damals entschieden wir uns, gemeinsam mit den Arbeitern gegen diese Programme Widerstand zu leisten. Es entstanden verschiedenste Konflikte, bis hin zum Tod von Margarida Maria Alves 1983 als Folge des
Kampfes um einen gerechten Lohn. Seidem ist ParaĂba bekannt als Region in der die grössten Widerstände geleistet werden. Kennzeichnend hierfĂĽr sind die vielen Landbesetzungen ungenuzten, brachliegenden Landes.
Frage: Haben Sie eine Idee, wieviele Landbesetzungen heute bestehen?
Frei Anastácio: Heute existieren etwa 150
Landbesetzungen, beispielsweise sind in der Gemeinde Conde 98 % des landwirtschaftlich nutzbaren Landes eingenommen fĂĽr die Kleinbauern. In Alhandra sind es 96 % des Landes, das von Kleinbauern und Landarbeitern
genutzt wird, in Pitimbu etwas weniger.
In der Region Váreza sind 95 % des Landes Landbesetzungen. Vor 20 Jahren herrschte eine einzige Familie über das Land.
Frage: Was sind die grössten Erfolge des Kampfes der Landarbeiter heute?
Frei Anastácio: Die Landarbeiter eroberten das Land.
Heute müssen sie die Politik, den Platz an dem die Entscheidungen getroffen werden, erobern. Das sind vor allem die Gemeinderäte und Bürgermeistereien. Wir müssen die Räume der Macht und der Politik erobern.
Das sind auch das Landesparlament, der Bundestag und der Senat. Dies ist notwendig, um eine Agrar- und Sozialpolitik zu konstruieren, die die Arbeiter und das Volk unterstĂĽtzen. Wir haben das Land erobert, nun
mĂĽssen wir die Politik erobern.
Frage: Glauben Sie, dass die Landfrage durch die Volksvertreter weiterdiskutiert werden wird?
Frei Anastácio: So schnell wie möglich! Regierungen und
Parlamente, in den Gemeinden, im Land und im Bund betreiben keine gerechte Agrarpolitik. Sie sind aber mittlerweile im Schlepptau der Proteste der Arbeiter, die durch verschiedene Formen des Protestes zeigen, dass
sie mit dieser Politik nicht einverstanden sind. Es sind die Märsche und Prozessionen. Die Arbeiter mobilisieren sich, die Politik gibt allerdings bis jetzt nur einen kleinen Teil des Kuchens her.
Frage: Im Verlauf des Kampfes sind viele
Prozesse gegen Ihre Person geführt worden. Haben Sie die Prozesse mittlerweile gezählt und welche waren oder sind noch die schwersten?
Frei Anastácio: Gegen mich wurden 23 Prozesse geführt.
Einer der schwersten und agressivsten Prozesse war der des Richters Aluizio Bezerra Filho in Alhandra. Ich wurde der illegalen Bandenbildung, der Kindesmisshandlung und Missachtung der Justiz beschuldigt. Ich wurde
in der ersten Instanz regelrecht bekämpft. Die Justiz entschied schliesslich, dass Richter Bezzera befangen war.
Frage: Sie sprachen im Landesparlament, dass Sie
auf die vielen Prozesse, die gegen Sie gefĂĽhrt wurden, stolz seien. Sie wĂĽrden ein StĂĽck Ihrer Lebensgeschichte widerspiegeln...
Frei Anastácio: Ich habe keine Probleme mit der Justiz,
denn alle Prozesse wurden im Zusammenhang mit dem Kampf für das Land geführt. Es macht mich stolz und jeder Prozess spornte mich weiter an zu kämpfen, ich habe schliesslich niemals ein Verbrechen begangen.
Frage: Wie sehen Sie die Bezeichnung,
”Radikalster Abgeordneter des Landesparlamentes ParaĂbas”, die einige Menschen ihnen zuteilen möchten?
Frei Anastácio: Ich bin nicht radikal. Die Schärfe und
Radikalität ergibt sich aus der Wirklichkeit: Hunger, Arbeitslosigkeit, zuwenig Wohnmöglichkeiten, Untätigkeit der Regierenden. Wenn wird diese Wirklichkeit betrachten, verstehen wir die Empörung des Volkes, den
Zorn der Ausgegrenzten unserer Gesellschaft.
Quelle: Assembleia Revista. Jg. 1. nr. 1/2000. JoĂŁo Pessoa 2000.
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