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IK als SchlĂŒsselqualifikation

Zusammenfassung des Themas “Interkulturelle Kompetenz als SchlĂŒsselqualifikation” von Sebastian Meurer,M.A. MĂ€rz 2003


1. SchlĂŒsselqualifikationen

Die Entwicklung von der Industrie- zur Informationsgesellschaft (vom Taylorismus zur „Homuter-Gesellschaft“) fördert ganzheitliches Denken:

·       Spezialisten werden durch Generalisten ersetzt

·       Arbeitnehmer werden deutlich mehr Verantwortung ĂŒbernehmen

·       die Arbeit wird selbstĂ€ndiger

1.1         Voraussetzungen

FlexibilitĂ€t und bereichsĂŒbergreifendes Denken werden (von der Wirtschaft) gefordert. Bildung muß ausgerichtet sein, daß

·       GrundzusammenhĂ€nge des Fachs verstanden werden

·       logisches Denken sowie

·       sprachlicher Ausdruck und Verstehen ausgebildet werden

·       die Anwendung von Wissen auf praktische Probleme und neue Aufgaben ermöglicht wird

Schließlich mĂŒssen „neben den spezialisierten Fertigkeiten [...] strukturelle Gemeinsamkeiten verfĂŒgbar sein, neben Know-how ein Know-how-to-know.“ [Glaser 1993: 97]

1.2         Definition

Die VerknĂŒpfung von Bildung und Praxis stellen SchlĂŒsselqualifikationen dar: SchlĂŒsselqualifikationen sind die...

„...BefĂ€higung, erworbenes Wissen, erworbene FĂ€higkeiten und Fertigkeiten in einer neuen, anders gearteten Situation anwenden, ĂŒber nicht streng fachgebundenes Wissen und nicht fachgebundene TĂ€tigkeit verfĂŒgen und diese in einem relativ großen Berufsfeld zur SituationsbewĂ€ltigung aktivieren zu können.“ [Bloom 1969, zit. nach: Glaser 1993: 97]

1.3         Typen

Man kann daher in drei Arten von SchlĂŒsselqualifikationen unterscheiden:

materiale SQ

Kulturtechniken, Fremdsprachen, EDV, Kenntnisse von Verfahrens- und ArbeitsablÀufen, algorithmisches (schematisches) Denken, Kodierung- und DekodierungsfÀhigkeit

formale SQ

AbstraktionsfÀhgkeit, Erfassen von ZusammenhÀngen, kommunikative FÀhigkeiten (Ausdruck, Argumentation etc.), LernfÀhigkeit, Handlungsqualifikation (entscheiden & gestalten)

personale SQ

willensbedingte Verhaltensdimension (Zielstrebigkeit etc.), haltungsbedingte Verhaltensdimension (ZuverlÀssigkeit etc.), arbeitsbedingte Verhaltensdimension (Ordnungssinn etc.), TeamfÀhigkeit

2.        Transferkompetenz

·       Die Verhaltensdisposition „Transfer“ ist integraler Bestandteil von SchlĂŒsselqualifikationen

·       Transferkompetenz meint eine Mittler- und Übersetzungskompetenz,

„nĂ€mlich unabhĂ€ngig vom Sach-, Fach- oder Stoffgebiet gleichermaßen kompetent disponieren, Probleme analysieren, Kontakte herstellen, Kooperation leisten, Grundlagenwissen anwenden zu können.“ [Glaser 1993: 97]

·       UniversitĂ€ten – v.a. Geistes- und Sozialwissenschaften – sind gefordert, diese SchlĂŒsselqualifikation integriert im Fachstudium zu vermitteln

·       im Zuge fortgeschrittener Differenzierung (im Modernisierungsprozeß) sollte stĂ€rker die FĂ€higkeit zur Vernetzung und zum Erlernen von Orientierungswissen im Mittelpunkt der universitĂ€ren Lehre stehen

ALSO: statt Gegenstandsorientierung, Problemorientierung [DĂŒllo 1997: 140]

·       Kulturwissenschaften ist dabei „transdisziplinĂ€re Mittlerin zwischen dem Fachwissen und den Zusatzqualifikationen, zwischen Theorie und Praxis.“ [DĂŒllo 1997: 141]

·       als HĂ€ndler des Heterogenen, Offenen, Bunten, VielfĂ€ltigen, Neugierigen und auch des Praxisrelevanten
       [Suhr  2000: 147]

·       Kulturwissenschaft als Moderatorin [Böhme/Scherpe 1996]

3.        Interkulturelle Kommunikation

Neben der angefĂŒhrten Wichtigkeit von Transferkompetenz und der Beschreibung von materialen, formalen und personalen SchlĂŒsselqualifikationen kann interkulturelle Kompetenz als vierte wichtige Kategorie von SchlĂŒsselqualifikationen hinzugefĂŒgt werden.

3.1         Relevanz interkultureller Kompetenz

„Globalisierung“ und „Multikulturalisierung“ von Gesellschaften bestimmen das VerhĂ€ltnis von staatlichen und kulturellen Einheiten neu. Oberhalb nationalstaatlicher Organisation entwickeln sich neue Formen von „Weltkultur“ durch politische, massenkommunikative, ökonomische und ökologische Vernetzungen, die das Bewußtsein von Menschen in aller Welt mehr oder weniger prĂ€gen. [Featherstone/Lash 1995]

·       Interkulturelle Kompetenz wird demnach – nicht nur in „globalisierten“ bzw. „multikulturalisierten“ Gesellschaften verlangt – sondern vollzieht sich in vielen Sektoren menschlichen Lebens:

-        in der Politik (Außenpolitik, internationale Beziehungen, Diplomatie)

-        im akademischen Bereich (Gastaufenthalte, Symposien, Kongresse, Wissenschaftliche Organisationen)

-        im Bereich von Kunst und Kultur (Ausstellungen, Gastspiele, Lesungen, Besuche, Austausch
         mit dem Ausland)

-        in der Wirtschaft (Außenwirtschaftsbeziehungen, bei Zweigstellen, Filialen, BĂŒros, Tochtergesellschaften
         im Ausland, bei transnationalen Konzernen)

-        im Tourismus (als eine ganz speziellen Form)

-        bei Auswanderern, Vertriebenen, FlĂŒchtlingen, Asylsuchenden

-        in weiteren speziellen Feldern interkultureller Begegnung (Forschung und Technik, im kirchlichen und
         karitativen Sektor, im Sport, im militĂ€rischen Bereich, bei Institutionen und VerbĂ€nden, schließlich im
         privaten Bereich (interkulturelle Ehen) [Maletzke 1996]

ALSO: durch zunehmende kulturelle Binnendifferenzierung moderner Gesellschaften wird „MultikulturalitĂ€t“ zu einem Merkmal dieser Gesellschaften, Kultur ist nicht gleich Nationalkultur, interkulturell ist nicht gleich international [Flechsig 2000]

3.2         Definitionen

·       interkulturelle Kommunikation

-        Von interkultureller Kommunikation“ sprechen wir, wenn die Begegnungen von Menschen verschiedener
         Kulturen stattfinden und sich die Begegungspartner der Tatsache bewußt sind, daß der jeweils andere
         „anders“ ist. Ferner:

„Als interkulturell werden alle Beziehungen verstanden, in denen die Beteiligten nicht ausschließlich auf ihre eigenen Kodes, Konventionen, Einstellungen und Verhaltensformen zurĂŒckgreifen, sondern in denen andere Kodes, Konventionen, Einstellungen und Alltagsverhaltensweisen erfahren werden. [Bruck 1994, zit. nach: Maletzke 1996: 37]

·       interkulturelle Kompetenz

-        Interkulturell kompetent ist derjenige [respektive diejenige] „der die fremde Kultur soweit verstanden hat,
         daß er die Erwartungen, Verhaltensweisen und Reaktionen ihrer Mitglieder Ă€hnlich gut vorhersehen bzw.
         nachvollziehen kann, wie die Mitglieder seiner eigenen Kultur und weiß, wie er sich selbst in bestimmten
         Situationen verhalten muß, damit seine Absichten in seinem Sinne verstanden werden.“ [IFIM 2000: 4]

ALSO: additiv zu den in 1.3 aufgefĂŒhrten materialen, formalen und personalen SchlĂŒsselqualifikationen kann eine vierte „interkulturell“ hinzugefĂŒgt werden:

interkulturelle SQ

hohe EmphatiefĂ€higkeit, kulturelle SensibilitĂ€t, AmbiguitĂ€ts- und Frustrationstoleranz, bewußtes und teilbewußtes Erkennen nicht verbalisierterter Konzepte eigener und fremder Kultur

3.3         Anwendungsbereich Entwicklungszusammenarbeit

·       Wer heutzutage in ein fremdes Land geht, bereitet sich meist auf seinen Einsatz vor, indem er sich mit der
       Geschichte und Politik, den LebensverhĂ€ltnisse, der Kultur und Sprache seines Gastlandes beschĂ€ftigt.
       [Maletzke 1996]

·       auslĂ€ndische Fachleute können in dem Maße Hilfe leisten, wie sie ihr Know-how in den jeweiligen kulturellen
       Hintergrund transferieren können und in dem Maße wie die vorgeschlagene Hilfe die empfundenen BedĂŒrfnisse
       und PrioritĂ€ten des EmpfĂ€ngerlandes befriedigt

·       Drei Erfolgskomponenten gibt es fĂŒr die erfolgreiche Kommunikation in der Entwicklungszusammenarbeit:

-        interkulturelle Interaktion und Training einschließlich der Vermittlung von FĂ€higkeiten

-        professionelle EffektivitĂ€t in tĂ€glicher Arbeit, bei der ErfĂŒllung von Pflichten und Verantwortung

-        personelle/familiĂ€re Anpassung und Zufriedenheit

 Â·       Interkulturelle Trainings im Vorfeld versuchen „eigen-artige“ Logiken hinter fremden Lebens- und
         Handlungsformen begreifbar zu machen. Schließlich liegen der Trainingsphilosophie der Deutschen Stiftung
         fĂŒr internationale Entwicklung (DSE) bei der Vorbereitung deutscher Fach- und FĂŒhrungskrĂ€fte folgende
         Leitgedanken in der interkulturellen Vorbereitung zugrunde:

-        Handlungs- und Praxisorientierung (Vermittlung „kultureller Skripte“, in bestimmten LĂ€ndern können
         bestimmte Handlungsmuster mit hoher Wahrscheinlichkeit beobachtet werden [Flechsig 2000])

-        Relevanz

-        Kulturrelativismus

-        Aufbau eines Orientierungssystems (Orientierung = nicht verbalisierte Konzepte der anderen Kultur
         verstehen)

-        Interaktionismus

-        Teilnehmerzentrierung

-        systemischer Zusammenhangsbegriff

-        PluralitĂ€t und Globalisierung

-        Kulturbegriff (unausgesprochen Geertz, Kultur „mehrfach gebrochen“ aus subjektiver Betrachterperspektive)

-        permanente Weiterentwicklung des Programms [DSE 1999]

Literatur

Bloom, Benjamin: Txonomy of Educational Objectives. New York 1969.

Böhme, Hartmut und Klaus R. Scherpe: Zur EinfĂŒhrung. In: Dies. (Hrsg.): Literatur und Kulturwissenschaften. Positionen. Theorien. Modelle. Reinbeck 1996. S. 7- 24.

Bruck, P.A.: Interkulturelle Entwicklung und Konfliktlösung. In: Luger K. und Renger R. (Hrsg.): Dialog der Kulturen. Wien 1994. S. 343-357.

Deutsche Stiftung fĂŒr Internationale Entwicklung (Hrsg.): Integriertes Rahmenkonzept Interkulturelle Kommunikation. Bonn 1999. [Internet: http://www.dse.de/za]

DĂŒllo, Thomas: Studienziel Transferkompetenz? In: Deters, JĂŒrgen und Carsten Winter (Hrsg.): Karriere in der Medienbranche. Anforderungen. SchlĂŒsselqualifikationen. Ausbildungsinstitutionen. Frankfurt am Main/New York 1997. S. 137-147.

Featherstone, M & Lash, S.: Globalization, Modernity and the Spatialization of Social Theory. An Introduction. In: Featherstone M. et al.: Global Modernities. London 1995. S. 1-24.

Flechsig, K.-H. o.J. „Interkulturelle Kompetenz als SchlĂŒsselqualifikation. Methoden Interkulturellen Trainings“ <http://www.gdwg.de> 17.08.2000.

Glaser, Hermann: SchlĂŒsselqualifikationen. Dem Zweck Sinn geben. In: Blamberger, GĂŒnter/Hermann Glaser/Ulrich Glaser: Berufsbezogen studieren. Neue StudiengĂ€nge in den Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaften. MĂŒnchen 1993. S. 94-104.

Hofstede, Geert H.: Lokales Denken, globales Handeln. Interkulturelle Zusammenarbeit und globales Management. 2. durchgesehene Auflage. MĂŒnchen 2001.

Institut fĂŒr Interkulturelles Management. 05.09.2000 „Antworten auf hĂ€ufig gestellte Fragen.“ <http://www.ifim.de/FAQ/FAQEinfuehrung.htm> 17.04.2001.

Maletzke, Gerhard: Interkulturelle Kommunikation. Zur Interaktion zwischen Menschen verschiedener Kulturen. Opladen 1996.

Suhr, AndrĂ©: Modularisierung in den Angewandten Kulturwissenschaften. In: DĂŒllo, Thomas et al. (Hrsg.): Kursbuch Kulturwissenschaft. MĂŒnster 2000. S. 143-148.

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